Petrus - Hochaltar von B. Neumann

Petrus - Hochaltar von B. Neumann

 

Wie nahe uns das Gute und das Böse geht,

das uns begegnet,

hängt nicht von

dessen Ausmaß ab,

sondern

von unserer

Empfindsamkeit.

 

Notiz eines Soldaten in Afghanistan

 

 

 

Fastenpredigt

 

Was ist Wahrheit?

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

„Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) Mit dieser Frage antwortete Pontius Pilatus auf das Bekenntnis Jesu: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ (Joh 18,37) An die Frage des Pontius Pilatus wird in jedem Karfreitagsgottesdienst erinnert, wenn die Leidensgeschichte des Johannesevangeliums vorgelesen wird. Der Evangelist Johannes schildert die ganze Dramatik der Verurteilung Jesu sehr ausführlich. Ständig verlässt Pontius Pilatus das Gerichtsgebäude, in dem Jesus festgehalten wird, und geht zu der aufgebrachten Menschenmenge hinaus, der er zweimal sagt: „Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.“ (Joh 18,38 und Joh 19,6) Trotzdem lässt er Jesus am Ende kreuzigen. Die berühmte Pilatusfrage „Was ist Wahrheit?“ ist keine rein philosophische Frage, wie der Kontext zeigt. Über Pontius Pilatus sagte Papst Johannes Paul II. in seiner Betrachtung am Karfreitag des Jahres 2000: „Der Mensch, der sich nicht von der Wahrheit leiten lässt, ist sogar bereit, einen Unschuldigen schuldig zu sprechen.“ Der Mensch, der nicht bereit ist, nach der Wahrheit hinter den Dingen zu fragen, kann die Bedeutung der Wahrheit in den Dingen leicht verdrängen. Für Pontius Pilatus war die Wahrheit seiner Karriere wichtiger als die Wahrheit des Lebens eines Unschuldigen. Der Ruf der Menge „Wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des Kaisers.“ (Joh 19,12) beeindruckte ihn mehr als seine nüchterne Erkenntnis, dass es keinen Grund gibt, Jesus zu verurteilen.

Wir leben in einer Zeit, in der die Wahrheit über Ereignisse und gesprochene Worte, über gesellschaftliche Realitäten und geschichtliche Fakten an Bedeutung verliert: Manchmal werden sie nicht sorgfältig recherchiert und falsch wiedergegeben, manchmal werden sie bewusst verdreht oder gar erfunden und manchmal wird die Relevanz der Wahrheit und des Faktischen schlichtweg bestritten. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat den Begriff „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Der Begriff besagt, dass wir in einer Zeit leben, in der nicht Fakten interessieren, sondern Stimmungen, unabhängig davon, ob sie tatsächlich wahr sind oder nicht. Manche Politiker haben schon gesagt, dass ihnen Fakten gleichgültig sind, weil nur Stimmungen zählen. Der Münsteraner Philosoph Josef Pieper ahnte das schon 1966 und schrieb: „Es dürfte heutigentags niemandem schwerfallen, sich eine Welt vorzustellen, deren Atmosphäre fast völlig bestimmt ist durch einen allgegenwärtigen öffentlichen Wortgebrauch, der nur noch ‚Parolen‘ kennt. Alles Reden geschieht, ‚damit…‘ und ‚um zu…‘; es besagt nicht etwas, sondern es bezweckt etwas.“[1] Der Bundestagswahlkampf in diesem Jahr wird zeigen, ob wir tatsächlich in postfaktischen Zeiten leben. Ich bitte Sie sehr, sich nicht von Stimmungen verführen zu lassen, sondern nach richtig und falsch zu fragen und komplexe Sachverhalten differenziert wahrzunehmen. Statistische Fakten kann jeder im Internet bei staatlichen Stellen einsehen. Seriöse Medien veröffentlichen eine Korrektur, wenn sie sich geirrt haben. Im Wahlkampf besteht die Möglichkeit, Politikern direkt zu begegnen und mit ihnen zu sprechen. Parteiprogramme sind öffentlich. Der 2011 verstorbene tschechische Bürgerrechtler Vaclav Havel hat mit seinem Büchlein mit dem Titel „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ Maßstäbe für das Handeln in Politik und Gesellschaft gesetzt.

Gerade in der Fastenzeit kann die gesellschaftliche Diskussion über die Bedeutung von Wahrheiten und Fakten Anlass zu einer Gewissenserforschung bieten: Im Alten Testament ist das achte Gebot so formuliert: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“ (Ex 20,16 und Dtn 5,20) Es geht hier zunächst um eine Falschaussage vor Gericht, durch die ein Unschuldiger verurteilt wird. Wurde ein Zeuge der Lüge überführt, so erhielt er dieselbe Strafe, die für den Angeklagten vorgesehen war. Dieser ursprüngliche Sinn des achten Gebotes „hat im Laufe der Zeit eine immer größere Ausweitung erfahren. Heute geht es im Verständnis des achten Gebotes um die sittliche Forderung nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit im gesamtmenschlichen Bereich. Das Gebot fordert dazu auf, das persönliche, gesellschaftliche und öffentliche Leben nach dem Maßstab von Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu gestalten.“ [2] Aus dieser Formulierung des früheren Erfurter Moraltheologen Wilhelm Ernst geht hervor, dass das achte Gebot mehr ist als die Aufforderung, nicht wissentlich die Unwahrheit zu sagen, also zu lügen. Es umfasst auch das ständige Bemühen, wahrhaftig zu reden, also nicht unwissentlich die Unwahrheit zu sagen. Es ist manchmal erschütternd, wie schnell unwahre Gerüchte die Runde machen, ohne dass jemand überprüft, ob es auch stimmt, was erzählt wird. Zudem umfasst Wahrhaftigkeit auch Diskretion. Man muss immer die Wahrheit sagen, aber man muss nicht alles, was man sicher weiß, auch weitersagen. Der Heilige Johannes Chrysostomus predigte schon im 4. Jahrhundert: „Es ist geradezu lächerlich, wenn die Ausplauderer von geheimen Fehlern ihren Hörer bitten und beschwören, es keinem anderen zu sagen; geben sie doch dadurch selbst zu, Unrecht getan zu haben. Wenn du den andern um Geheimhaltung bittest, so hättest du selbst erst recht schweigen sollen.“[3] Die Wahrung der Diskretion schließt den Grundsatz ein: Ich muss nicht auf jede Frage eine Antwort geben. Ich kann auch sagen: Ich möchte diese Frage nicht beantworten.

Wahrhaftigkeit bezieht sich nicht nur auf das, was ein Mensch sagt. Sie bezieht sich auch auf das, was er tut. Der Evangelist Johannes spricht davon, die Wahrheit zu tun: Wer „die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind“ (Joh, 3,21). Ein wahrhaftiger Mensch hält seine Versprechen ein. Was er zugesagt hat, macht er auch. Er lebt entsprechend dem, was er sagt und wovon er überzeugt ist. Und er verwirklicht seine Vorsätze. Spätestens jetzt ist deutlich, welche Herausforderung das achte Gebot der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit stellt. So kann die Fastenzeit zu einer Zeit der kritischen Selbstreflexion werden. Wenn wir uns über die Verlogenheit eines Mitmenschen aufregen, von dem eine Heimlichkeit bekannt wurde, so kann dies auch ein Anlass für eine Gewissenserforschung sein. Jede Sprache hat eine eigene Redewendung dafür, dass Menschen Heimlichkeiten haben. Im Deutschen sagen wir: „Jeder hat eine Leiche im Keller.“ Wenn wir mit dem Finger auf die zeigen, deren Heimlichkeit bekannt wurde, dann zeigen drei Finger auf uns selbst. Wenn wir entdecken, dass ein Mensch gelogen hat und uns darüber aufregen, so kann uns das auch fragen lassen, wo wir selbst gelogen haben.

In der Vorbereitung auf das Osterfest gilt auch heute die Aufforderung des Apostels Paulus: „Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit!“ (1 Kor 5,8) Ich wünsche uns eine in diesem Sinn heilsame österliche Bußzeit und erbitte für Sie alle den Segen des dreifaltigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Ihr Bischof Ulrich Neymeyr

Pfarrbriefservice.de